Dossier

Die Zukunft des Private Banking


1 "Es fehlt an nötigem Grundwissen in finanziellen Fragen"

Guido Singer, Direktor der Merck Finck A Quintet Private Bank am Standort Rottweil, im Interview über die Kritik am Private Banking und das Gefühl bei den Kunden am Küchentisch zu sitzen

Foto: Jigal Fichnter für econo

Sie möchten das Interview nicht selbst lesen? Dann hören Sie doch einfach hier das Gespräch als Podcast.

Herr Singer, wir wollen uns in dieser Folge eigentlich näher mit Ihren Kunden befassen, aber ich vermute, Diskretion steht in Ihrer Stellenbeschreibung ganz oben. Aber versuchen wir es dennoch: Wer sind denn Ihre Kunden?

Guido Singer:
Unsere Kunden lassen sich nicht mit einem Satz beschreiben. Was sie eint, ist die zumeist enge Verbindung mit unserem erfolgreichen Mittelstand. Das ist dann oft die Unternehmerin oder der Unternehmer, dessen Zeit und Aufmerksamkeit dem Unternehmen gilt. Für Sie ist es wichtig, sich auf uns verlassen zu können und damit "den Rücken frei zu haben", für das Unternehmen und ihre Mitarbeiter. Dies beschreiben sie gerade in anspruchsvollen Zeiten als sehr wichtig. Dann sind es Menschen, die den Erlös aus dem Verkauf von Unternehmensanteilen oder von Immobilien langfristig werterhaltend anlegen wollen. Darüber hinaus sind wir Partner von Unternehmen, die einen Teil ihrer Liquidität langfristig investieren wollen - gerade heute in Zeiten von Negativzinsen. Und nicht zuletzt unterstützen wir Gemeinnützige Stiftungen, die mit reinen Zinsanlagen ihren Stiftungszweck nicht mehr erfüllen können.

Die Umschreibung Private Banking umweht immer der Hauch von Exklusivität und Geschäftsanbahnungen auf dem Golfplatz. Wie definieren Sie den Begriff?

Guido Singer:
Unsere Kunden sind vielleicht vermögender als der Durchschnitt, aber alle sehr bodenständig geblieben. So engagieren sich viele von Ihnen zum Beispiel für Ihre Heimatgemeinde und für soziale Projekte. Ich glaube, dass dies auch an unserer Region und dem Menschenschlag liegt, der hier lebt. Großes "Chichi" wird hier zumeist als unnötiges Beiwerk gesehen, dafür ist Qualität der Leistung und Integrität der handelnden Personen umso wichtiger.

Warum benötigt dies Gruppe eigentlich eine eigene Betreuung in der Vermögensverwaltung?

Guido Singer:
Für eine professionelle Vermögensverwaltung gibt es unterschiedliche Gründe. Vielfach wollen sich die Anleger nicht regelmäßig und zeitaufwendig mit den Finanzmärkten beschäftigen. Wobei es durchaus Kunden gibt, die beides tun: die Vermögensverwaltung bei Merck Finck als solides, nachhaltiges Investment und dann das eigene "Spieldepot" für kurzfristigere, risikoreichere Investitionen.

Hinzu kommt, dass gerade in Krisenzeiten die professionelle und damit weniger emotionale Herangehensweise von großem Vorteil ist. Denn gerade Privatinvestoren lassen sich an der Börse oft von Gefühlen leiten. So neigen sie zum Beispiel dazu, Gewinne zu schnell zu realisieren und scheuen sich gleichzeitig davor, sich von Verlustbringern zu trennen. Im schlimmsten Fall geraten sie in einer Situation wie im letzten Jahr in Panik und verkaufen alle Aktien zu Tiefstkursen.

Das Private Banking steht immer wieder in der Kritik: Wer ein großes Vermögen hat, der kann sich eine bessere Betreuung leisten, die wiederum zu einer nochmaligen Verbesserung der Situation führt...Für normale Menschen ist es hingegen deutlich schwieriger, zumal in Zeiten niedriger Zinsen.

Guido Singer: Ich denke, ein zentraler Punkt ist, dass es in der Breite weiterhin am nötigen Grundwissen zu finanziellen Fragen fehlt. Leider zählt dieser Bereich nicht zu den Themen im Bildungsplan der Schulen. Dies ist auch der Grund, warum sich die Merck Finck Stiftung die Förderung der Ökonomischen Bildung auf die Fahne geschrieben hat.

Dazu kommt dann, dass viele nicht bereit sind, für eine gute Finanzberatung Geld zu investieren. Für die Steuer- oder Rechtsberatung wird selbstverständlich etwas bezahlt, die Beratung bei der Geldanlage möchte man umsonst - und "wundert" sich dann, dass einem dann oftmals kein Berater sondern ein Verkäufer gegenüber sitzt.

Dann kommt es zu Fehlern und dies hat dann im Nachgang zur Finanzkrise 2008/2009 zu einer massiv verschärften Regulierung der Banken und Sparkassen geführt. Der Aufwand für eine individuelle Beratung ist dadurch so groß geworden, dass sie für den Normalbürger kaum mehr angeboten wird.

Hier als vermögender Kunde bei einer Privatbank wie Merck Finck zu sein, ist sicher von Vorteil.

Haben Sie eine Idee, eine Perspektive, wie man mit dieser Situation positiv umgehen könnte? Am Ende ist das ja durchaus auch eine gesellschaftliche Frage.

Guido Singer: Ich habe den Eindruck, dass sich die jungen Menschen heute vielfach mehr für Geldanlage und Aktien interessieren. Zumal das Angebot von Online-Banken oder -Brokern die Möglichkeit schafft, auch mit kleineren Beträgen Erfahrungen in der Wertpapieranlage zu sammeln oder einen Aktiensparplan für seine Altersvorsorge zu beginnen.

Kommen wir zurück zu Ihrer Zielgruppe, die ja bei Banken und Vermögensverwaltern generell begehrt ist. Wie punktet man bei diesen Persönlichkeiten und Institutionen? Ich vermute, eine Postwurfsendung zieht hier nicht...

Guido Singer: In den ersten Jahren ab 2005 war es mir wichtig, viele Unternehmer und vermögende Familien in der Region persönlich kennen zu lernen. Dabei hat mir die Neugier "Wie kommt eine renommierte Privatbank dazu, einen Standort in unserer Region zu eröffnen?" viele Türen geöffnet. Mein Anliegen war, mich und unser Dienstleistungsangebot vorzustellen - mein Gegenüber sollte wissen, dass wir vor Ort sind und meine Visitenkarte noch zur Hand haben, wenn in Zukunft ein Bedarf entsteht.

Schritt für Schritt ist es dann gelungen uns zu etablieren und einen guten Ruf aufzubauen. Seit einigen Jahren sind es dann vor allem Empfehlungen von zufriedenen Kunden, die neue Türen öffnen. Auch Rechtsanwälte und Steuerberater in der Region nennen unseren Namen, wenn ihre Mandanten nach einer Empfehlung fragen. Darauf sind wir schon auch ein wenig stolz, denn wir wissen, wie vorsichtig man in unserer Region mit Empfehlungen umgeht. Uns ist aber auch bewusst, wie groß die Verantwortung ist, die davon ausgeht.

Sie umschreiben die Idealsituation gerne damit, dass Sie dann mit am Küchentisch Ihrer Kunden sitzen würden. Was meinen Sie konkret?

Guido Singer: Ganz konkret oder bildlich in das Haus der Familie eingeladen zu werden ist großer Vertrauensbeweis und Verpflichtung zugleich. Einblick in die Lebenssituation und die Wünsche und Ziele zu bekommen, ist nicht selbstverständlich. Zusammen mit einer umfangreichen Analyse der Privatbilanz und der Einkommens- und Ausgabenströme ermöglicht es uns, individuelle, auf die Familie zugeschnittene Lösungen zu erarbeiten.

Der Küchentisch steht also sinnbildlich auch für die Betrachtung der gesamten Familiensituation von Großeltern bis Enkeln?

Guido Singer: Dieses Angebot mache ich, macht Merck Finck und es liegt an jedem Kunden, wann und wieviel er davon nutzen möchte.

Das hört sich so an, als bekämen Sie sehr private, ja fast intime Einblicke in die Verhältnisse Ihrer Kunden. Da braucht es sicher ein ganze Weile, bis Sie das entsprechende Vertrauen aufgebaut haben - ähnlich wie ein Hausarzt oder Pfarrer....

Guido Singer: Mir hat ein älterer Unternehmer einmal erzählt, dass der Bankier früher stets zu den wichtigen Ratgebern einer Familie gezählt hat. Heutzutage ist dies vielfach nicht mehr der Fall. Dies liegt auch daran, dass die Ansprechpartner in den Banken zumeist viel zu schnell wechseln.Vertrauen muss wachsen und so ist es von großem Vorteil, wenn man in einer Zusammenarbeit auf 10 oder 15 gemeinsame Jahre zurückblicken kann. Dann kann man auch zu dem von dem Unternehmer beschriebenen Bankier der Familie werden.

Können Sie abschließend die Diskretion nicht doch mal beiseite schieben - wie fühlt es sich an, am Küchentisch Ihrer Kunden zu sitzen?

Guido Singer:
Es macht großen Spaß, sich auf Augenhöhe auszutauschen, die Themen und mögliche Lösungen mit allem für und wider offen zu diskutieren. Mir ist wichtig, alle wesentlichen Aspekte auf den Tisch zu bringen und damit eine gute Grundlage für eine Entscheidung des Kunden zu schaffen. Und wenn er dann am Ende sagt: "Ich habe einem Freund von Ihnen erzählt und der möchte Sie auch gerne kennen lernen" – dann ist dies ein sehr schönes Gefühl.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Singer!

Das traditionsreiche Münchner Bankhaus Merck Finck A Quintet Private Bank ist seit mehr als 15 Jahren in Rottweil präsent und in der mit Fingerspitzengefühl sanierten Villa Duttenhofer Ansprechpartner für vermögende Privatkunden und Unternehmerfamilien in der Region. Guido Singer hat den Standort zusammen mit seinem Team von Beginn an aufgebaut.

2 „Wir hatten kein Glück, sondern haben sauber analysiert"

Guido Singer, Direktor der Merck Finck A Quintet Private Bank am Standort Rottweil, im Interview über Chancen in der Krise und der Performance in der Vermögensverwaltung im Jahr 2020

Foto: Jigal Fichtner für econo

Sie möchten das Interview nicht lesen? Dann hören Sie doch einfach hier den dazugehörigen Podcast!

Wie haben Sie denn persönlich das Jahr 2020 erlebt, Herr Singer?

Guido Singer:
 2020 war natürlich ein besonderes Jahr. In der Rückschau kann man sich die Zeit, die kurz vor dem ersten Lockdown noch Normalität war, fast gar nicht mehr vorstellen. Für mich persönlich hat es damit begonnen, dass wir kurz vor Corona unseren jüngsten Sohn Tim für eine langersehnte Auszeit zwischen Abitur und Beginn des Studiums nach Südafrika verabschiedet haben. Nach gerade einmal acht Tagen haben wir uns recht verzweifelt auf die Suche nach einem Rückflug gemacht. Unser zweiter Sohn Nico kam von der Hochschule zurück nach Hause ins Homelearning", das ja auch für die Studenten zum Alltag geworden ist. Für mein Hobby als sportlicher Leiter der "Jung-Gallier", der Drittliga-Mannschaft des Handball-Vereins HBW Balingen-Weilstetten kam mit einem Mal die Einstellung des Spielbetriebs und keiner konnte sagen, wie es weitergehen wird.

Und wie verlief das Jahr beruflich, wie war für Sie die Situation am Standort Rottweil?

Guido Singer:
 Es war aufregend und glücklicherweise hat alles sehr gut funktioniert. Wir haben zeitnah das Team aufgeteilt und arbeiten im Wechsel daheim und im Büro. Da wir als Bank schon im Vorfeld Homeoffice eingeführt hatten, waren unsere Berater bereits mit iPads ausgestattet. Dennoch war es spannend zu erleben, wie das Gesamtsystem mit diesen erhöhten Anforderungen umgeht, aber es hat alles sehr gut funktioniert.

Bevor wir weitere Themen anschneiden, geben Sie doch bitte einen kleinen Überblick: Wer oder was ist Merck Finck?

Guido Singer:
 Merck Finck wurde im Jahr 1870 gegründet und geht auf eine Initiative von Unternehmern zurück. Man wollte im Zuge der Industrialisierung junge Technologien und Unternehmen finanzieren. Das hat sehr gut funktioniert: Merck Finck war beteiligt an der Elektrifizierung von München durch die Isar-Amperwerke, an der Vorgängergesellschaft der Lufthansa, aber auch sehr stark im Bereich des Versicherungswesens, das neu aufkam. Zu den Engagements gehörten damals die Münchner Rück und vor allem die Allianz. Der junge Bankier Wilhelm Finck, dem die Leitung des Instituts anvertraut wurde, hat so erfolgreich gewirtschaftet, dass er innerhalb weniger Jahre alle Anteile an der Bank aufkaufen konnte und diese so in Familienbesitz kam. Er wurde aufgrund seiner Verdienste um die Wirtschaft sogar geadelt. Bis 1990 blieb das Haus in der Hand der Familie. Im Zuge einer Nachfolgeregelung wurde Merck Finck dann veräußert und so sind wir heute Teil der europäischen Privatbank A Quintet Private Bank, die in verschiedenen Ländern aktiv ist. Wir als Merck Finck sind dabei ein wichtiger Bestandteil.

Wir leben heute wieder in ähnlich spannenden Zeiten wie bei der Gründung der Bank. Ist Merck Finck weiterhin an der Finanzierung von Technologien oder Gründungen beteiligt?

Guido Singer:
 Wir haben unseren Fokus auf die Betreuung vermögender Familien gelegt, das sind in der Regel Familien mit einem unternehmerischen Hintergrund. In diesem Sinne sind wir sehr stark damit konfrontiert, was in der Wirtschaft an Neuerungen und Umbrüchen geschieht, gerade auch in dieser Region. Abgesehen davon sind wir als Bankhaus natürlich auch selbst von diesen Umbrüchen betroffen und gefordert.

Welche Reaktionen haben Sie denn im vergangenen Jahr bei Ihren Kunden erlebt? Wirtschaftlich waren es ja unruhige Zeiten...

Guido Singer: 
Das ist eine spannende Frage. Wir haben im Vergleich zu einer Genossenschaftsbank oder einer Sparkasse nur wenige Kunden, zu denen wir aber einen engen Kontakt pflegen. Wir haben uns gleich zu Beginn der Pandemie mit allen ausgetauscht und es zeigt sich gerade in einer Krise und bei Marktverwerfungen, ob die zuvor geführten Gespräche die richtigen Fragestellungen beinhalteten: Können die Anleger mit einer solchen Situation auch finanziell umgehen, wenn Aktienmärkte auch mal so steil nach unten gehen? Wir hatten darauf sehr positive Feedbacks. 99 Prozent unserer Kunden haben sehr besonnen reagiert und uns das Vertrauen ausgesprochen. Für alle war klar, ihr Portfolio dient der längerfristigen Anlage. Das gilt insbesondere, da wir auch Anlagen für Unternehmen und Stiftungen betreuen. Hier haben wir uns auch sofort erkundigt, ob mit Blick auf die Krise eventuell Gelder benötigt werden.

Das klingt alles sehr positiv, dabei dominieren aktuell die negativen Schlagzeilen. Warum stimmen Sie in diesen Chor nicht mit ein?

Guido Singer:
 Hier muss man aus meiner Sicht zwei Themen anführen. Das eine ist die gefühlte und teilweise tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung der Gegenwart, die eine andere Entwicklung genommen hat wie die Finanzmärkte. Die Aktienmärkte blicken ja immer sechs, zwölf MOnate und in Krisenzeiten vielleicht sogar noch weiter voraus. Was momentan als Krise erlebt wird, sehen die Börsianer schon wieder als Chance. Hinzu kommt: Die massiven staatlichen Unterstützungen haben für Stabilität gesorgt.
Zum zweiten Aspekt passt ein Zeitungsbericht, den ich im vergangenen Jahr gelesen habe. Sinngemäß wurde darin beschrieben, dass sich Zeiten mit schwankenden Börsenkursen aktiven Vermögensverwaltern große Chancen bieten. Allerdings hat im Jahr 2020 ein großer Teil der Verwalter diese Chancen nicht wahrnehmen können. Dazu passt auch eine Studie aus der Schweiz, die aufzeigt, dass der Unterschied bei den Ergebnissen der Vermögensverwalter fast doppelt so groß wie in einem normalen Börsenjahr war. Auch deshalb kommt es vielleicht zu dieser negativen Sichtweise, da viele Anleger keine positive Performance verzeichnen konnten.

Dann geben Sie doch bitte einen Einblick bei Merck Finck: Wie war die Performance in 2020?

Guido Singer:
 Zunächst einige Zahlen aus dem vergangenen Jahr. Der DAX stand am Jahresende 2020 bei rund drei Prozent im Plus. Schaut man sich den breiter aufgestellten europäischen Index "STOXX Europe 600" an, dann lag der am Ende ungefähr vier Prozent im Minus. Auch der "S&P 500" als großer breiter US-Marktindex lag aus Sicht eines Euro-Anlegers gerade einmal mit circa sechs Prozent im Plus.
In diesem sehr anspruchsvollen Jahr hat unsere Vermögensverwaltung (VV) eine deutlich bessere Wertentwicklung im Vergleich zu den Indizes wie auch im Marktvergleich erzielt. So lagen zum Beispiel die aktienorientierten Strategien der "VV Classic" und "VV Nachhaltigkeit" – beide jeweils ab eine Millionen Euro investierbar – deutlich zweistellig im Plus. Details erläutere ich gerne im persönlichen Gespräch, denn mir ist es sehr wichtig in aller Ruhe über die jeweils passende Strategie zu sprechen.

Chapeau! In Zeiten von Niedrigzinsen und Verwahrentgelten klingt das fast zu schön... Was ist der "Trick" dahinter?

Guido Singer:
 Kein "Trick", sondern einfach eine Kombination aus langfristiger Strategie und vernünftigen Analysen. Wir geben unseren Kunden immer einen Jahresausblick. Anfang 2020 haben wir prognostiziert, dass der positive Wirtschaftszyklus deutlich an Fahrt verlieren wird. Im Jahresverlauf könnte es zwar noch ein leicht positives Wachstum geben, aber der Zyklus neigt sich zu Ende. Diese Einschätzung haben wir schon weit vor Corona getroffen! Deshalb haben wir zyklische Werte in den Portfolios abgestoßen und als neue Favoriten Technologie und Pharma ausgewählt. Pharma als klassische defensive Branche und Technologie vor dem Hintergrund der fortschreitenden Digitalisierung. Das war die Ausgangslage.
Darauf folgte dann unsere Reaktion im März: Wir haben uns entschieden, nicht hektisch zu verkaufen, sondern die Kundendepots kritisch analysiert. Welche Werte, welche Unternehmensmodelle können auch in einer Krise funktionieren? Wer kann vielleicht sogar profitieren?
In einer solchen Crashsituation an Börsen gibt es zudem das Phänomen, dass zunächst alles verkauft wird. Deshalb kann man die Branchen wechseln, bevor der Markt wieder differenziert. Genau das haben wir gemacht. Wir konnten unsere schon zu Jahresbeginn aufgestellte Ausrichtung weiter schärfen, haben zusätzliche Pharmawerte gekauft, dazu Basiskonsumgüter und auch Gold. In dieser Phase, in der viele Analysten noch hofften, nach dem Verkauf günstiger wieder einsteigen zu können, waren wir bereits auf die Phase der Erholung eingestellt, hatten die Depots positioniert und sind von Ende März an voll in die positive Entwicklung gelaufen.

Hatte Merck Finck damit das Glück des Tüchtigen auf seiner Seite?

Guido Singer: 
Das würde ich so nicht sehen. Unsere Basis war ja die Überlegung, wie es wirtschaftlich weitergeht. Bereits Ende 2019 hat man gesehen, dass sich der langjährige positive Zyklus langsam dem Ende zuneigt. Deshalb würde ich nicht von Glück sprechen, sondern die Ausgangslage war eine saubere Analyse der volkswirtschaftlichen Daten. Und in der Krise agieren wir strategisch, weil wir der Meinung sind "Market Timing", also hoch verkaufen und tief wieder einstiegen - das gelingt, wenn überhaupt, meist nur zufällig.

Erläutern Sie doch bitte kurz die Details: Wo findet die eigentliche Depotverwaltung statt – am Standort in Rottweil oder in München?

Guido Singer:
 Wir nutzen in unserem Haus einen mehrstufigen Prozess. Wir sind eine europäische Bank, deshalb können wir Expertenwissen aus ganz Europa einbeziehen. Jemand, der in London, Zürich oder Brüssel sitzt, schaut zwangsläufig ein wenig anders auf die Welt wie ein Kollege aus Deutschland. Alle diese Experten bilden eine Grundmeinung, die wir als Quintet formulieren. Auf dieser Basis haben wir ein Team in unserem Stammhaus in München, das diese Grundmeinung für einen deutschen Anleger übersetzt. Für Portfolien mit besonderer Anforderung oder Größenordnung haben wir auch einen eigenen Portfoliomanager in Rottweil, der diese Mandate direkt hier vor Ort umsetzt.

Nehmen Sie doch bitte mal die Glaskugel in die Hand: Was erwarten Sie für das Börsenjahr 2021?

Guido Singer:
 Wir erleben aktuell wie schwankungsintensiv die Märkte sind und mit welchen Unsicherheiten auf die Welt geschaut wird. Das ist natürlich noch sehr stark geprägt von der Pandemie und der Frage, wie es auch vor dem Hintergrund der Impfungen und der Virus-Mutationen weitergehen kann. Sprich: Wie kann eine neue Normalität aussehen? Grundsätzlich schauen wir recht positiv auf das Jahr und die Entwicklung. Das ist vor allem begründet mit den immensen staatlichen Maßnahmen.
Wir erleben das bei uns in Deutschland, ebenso in Europa und vor allem mit dem riesigen ersten Unterstützungsprogramm des neuen US-Präsidenten Joe Biden. Wir gehen deshalb davon aus, dass diese hohen Summen - wir sprechen in den USA immerhin von rund zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts! - ein gewaltiger Stimulus werden. Das dürfte die Märkte in den USA befeuern und davon werden wir auch in Europa und Deutschland profitieren.
Zudem zeigen aktuelle Analysen, dass wir als Verbraucher einen Ausgabestau und ein großes Bedürfnis nach Konsum oder auch Reisen haben. Da liegen Gelder auf der Seite, die ausgegeben werden wollen. Vor diesem Hintergrund bildet auch die Börse schon jetzt die positive Entwicklung jenseits der Pandemie ab.

Steht am Ende des Jahres wieder ein Plus in den Büchern der Merck Finck-Kunden?

Guido Singer:
 Das ist eine wirklich gute Frage - aber reine Kaffeesatzleserei. Ich glaube, gerade Anlagen in Aktien bedürfen einfach einen längeren Anlagehorizont. Eine Entwicklung auf wenige Monate zu prognostizieren und auch noch mit Zahlen zu unterlegen das hätte dann tatsächlich was von ihrer zuvor beschriebenen Glücksache. Perspektivisch denken wir aber, dass es eine positive Tendenz gibt.

Dennoch mehreren sich aktuell wieder die Stimmen, die Börsencrashs, Inflationsängste und ähnliche Horrorszenarien prognostizieren und schüren.

Guido Singer:
 Ich denke, man muss die Themen einzeln betrachten und nicht in eine große Angst-Gemengelage hineinlaufen. Stichwort Inflation: Wir sehen hier eher eine temporäre Situation, da die Basispreise aus der Hochphase der Pandemie sehr niedrig sind. Wir werden zwar eine erhöhte Inflation in den kommenden Monaten erleben, aber im Verlauf des Jahres sollte sich die Entwicklung beruhigen. Zudem wird die reine Inflation gar nicht als das große Problem für die Börsen gesehen, sondern die dadurch möglicherweise steigenden Zinsen. Aber auch hier sehen wir zumindest keinen massiven Anstieg. Hinzu kommt ein interessanter Aspekt: Betrachtet man die vergangenen Jahrzehnte an den Börsen, dann wurden Phasen steigender Zinsen, die begründet waren von einer positiven Wirtschaftsentwicklung, zumeist von steigenden Börsenkursen begleitet. Es gibt also keine Regel, wonach steigende Zinsen für automatisch negative Börsenkurse sorgen.
Zur Crash-Angst: Nach neuen Börsen-Höchstständen wird immer wieder reflexartig vor Crashs gewarnt. Wir denken, die Volatilität und auch die Nervosität werden weiterhin hoch sein, sehen aber in den Aktienmärkten insgesamt keine größeren Anzeichen einer Blase. Auch Branchenrotationen der Anleger wird es weiterhin geben. An einen Börsencrash glauben wir derzeit aber nicht, vor allem, weil durch das verstärkte Impfen eine Rückkehr zu einer neuen Normalität möglich wird. 

Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Singer!

Das traditionsreiche Münchner Bankhaus Merck Finck A Quintet Private Bank ist seit mehr als 15 Jahren in Rottweil präsent und in der mit Fingerspitzengefühl sanierten Villa Duttenhofer Ansprechpartner für vermögende Privatkunden und Unternehmerfamilien in der Region. Guido Singer hat den Standort zusammen mit seinem Team von Beginn an aufgebaut.

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